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Autor: Bernhard König

TRIMUM: Interkulturelles Singen im Altenheim / Bild: Katharina Meier

TRIMUM: Interkulturelles Singen im Altenheim / Bild: Katharina Meier

Zeit für eine Beichte: Ich war ein Scharlatan – jahrelang. Habe unter der Tarnkappe des Musikvermittlers systematisch Aufträge angenommen, von denen ich wusste, dass ich sie nicht würde erfüllen können. Von Intendanten, Ensemble- und Kulturamtsleitern, die sich um die Zukunft der ihnen anvertrauten Institutionen sorgten. Sie haben sich von meinem Einsatz erhofft, dass ich ihren Veranstaltungen neue Zielgruppen erschließe. Dass ich Schülerinnen und Schüler mitsamt ihren Eltern zu regelmäßigen Konzertgängern mache. Und ich habe ihnen nicht widersprochen. Habe sie in dem Glauben gewiegt, ich könne ihnen das „Publikum von morgen“ heranziehen. Schlimmer noch: Ich habe so getan, als würde mich diese ihre Zielsetzung ernsthaft interessieren – und habe ihre Honorare und Subventionen unterdessen für etwas ganz anderes zweckentfremdet.

Um „Familie“ soll es in diesem Magazin gehen. Ein guter Ausgangspunkt für meine Generalbeichte, lässt sich doch anhand dieses Themas trefflich illustrieren, wie ich zum notorischen Musikvermittlungs-Schwindler wurde.

Als ich 1995 die Musikhochschule verließ, war „Neue Musik“ für Kinder und Jugendliche noch Mangelware. Es wollte mir nicht einleuchten, warum ausgerechnet eine Musik, die so ausgeprägt spielerisch und experimentell sein kann, im familiären und schulischen Alltag nicht vorkommt. Wie soll sie ihr kommunikationsanregendes, horizonterweiterndes und widerborstiges Potential entfalten, wenn der Prozess ihrer Entstehung – und damit die eigentliche ästhetische Auseinandersetzung – die Sache einiger weniger Profis bleibt?

Es war also beileibe nicht der Wunsch, einem routinierten, optimierten und professionalisierten Subventionsbetrieb frisches Publikum zu liefern, der mich damals den Beruf eines „freiberuflichen Konzertpädagogen“ (mit-)erfinden und ergreifen ließ. Sondern es war, ganz im Gegenteil, die Enttäuschung darüber, dass dieser Konzertbetrieb mir meine eigenen Fragen nach dem Sinn und der gesellschaftlichen Relevanz des Komponistenberufs nicht zu beantworten vermochte. „Publikumslieferant“ zu sein, war lediglich ein Vorwand: Eine Nische, die mir die Aussicht bot, auf eine in meinen Augen sinnerfüllte Weise Komponist sein zu können.

Dementsprechend verstand ich „Familie“ in den Workshops und Mitmachkonzerten jener Jahre nicht als eine in den Konzertsaal zu lockende „Zielgruppe“, sondern als ein potentielles Ensemble von Musikerinnen, Klangforschern und Komponistinnen. Dessen Möglichkeiten, Grenzen, Ideen und Vorlieben galt es zu erforschen, um auf genau dieser Grundlage eine geeignete Musik zu erfinden: Eine „experimentelle Hausmusik“ beispielsweise, die das Erlebnispotential neuer kompositorischer Formen nutzt, um der Ernsthaftigkeit kindlicher Phantasie ebenso Raum zu geben wie dem Spieltrieb der Erwachsenen.

Einige Jahre später, während eines regelmäßigen Aufenthalts im Hospiz Stuttgart, rückte dann die Familie als ein Ort des Abschieds und der letztmaligen Begegnung in den Mittelpunkt meiner kompositorischen Arbeit. Was kann man miteinander singen, wenn man weiß: Es ist wahrscheinlich das letzte Mal? Was kann Musik zu solchen Momenten der Trauer und der intensivierten Lebenfreude beisteuern? Wie lässt sich die existentielle Auseinandersetzung einer Sterbenden mit dem Gesamtkunstwerk ihres Lebens und mit ihrem baldigen Tod in Töne fassen? Töne, die sie im Idealfall selbst miterfindet, mitkomponiert und ihren Angehörigen als klingendes Zeugnis hinterlässt.

Projekt: Alte Stimmen – Stuttgarter Vocalsolisten im Altenheim / Bild: Jane Dunker

Parallel dazu begann ich, in mehreren Projekten die Rolle der Musik in unserer Einwanderungsgesellschaft zu erforschen. Hier lernte ich Familie als einen interkulturellen Mikrokosmos kennen und schätzen: Als Keimzelle kultureller Selbstvergewisserung, aber auch als einen Ort des Aufeinanderprallens extrem unterschiedlicher kultureller Wertesysteme, an dem sich tagtäglich Hiphop und anatolische Heimatlieder, Popsongs und schlesische Blasmusik begegnen können. Diese heterogenen Erfahrungen miteinander ins Gespräch zu bringen und so den Reichtum fruchtbar zu machen, der sich hinter den kulturellen und generationellen Brüchen verbirgt, kann für alle Beteiligten ein herausforderndes, aufregendes, manchmal beglückendes (und manchmal auch missglückendes) Erlebnis sein.

Doch eigentlich hätte es um dies alles gar nicht gehen sollen. Musikvermittlung im Sinne eines audience development geht in der Regel stillschweigend davon aus, dass ihre Klientel kulturell formbar und beeinflussbar sei: Auf der einen Seite steht der professionelle Veranstalter, der nicht nur seine Ressourcen bereitstellt, sondern auch vorab die zu vermittelnden kulturellen Inhalte definiert. Auf der anderen Seite: ein kulturell bedürftiges und unterversorgtes Publikum. Musikvermittlung hat den Auftrag, dieses „überalterte“ Publikum zu verjüngen oder den „kulturfernen“ Nachwuchs an die Konzertkultur heranzuführen. Vor dem Hintergrund dieser Zielsetzung hätte das, was in all den Schulbesuchen, Mitmachkonzerten und Kompositionsworkshops an ästhetischer Auseinandersetzung und musikalischer Erfindung geschah, auch ein bloßes Mittel zum Zweck bleiben können. Eine „uneigentliche Musik“ auf dem Weg zum Eigentlichen: dem abschließenden Konzertbesuch; der Begegnung mit der „richtigen“ Kunst.

In dieser Funktionalisierung aber schlummert die Gefahr einer mehrfachen latenten Abwertung: der Alten als Vorboten einer negativen und besorgniserregenden Entwicklung. Der Jungen als umworbene Hoffnungsträger, deren aufwändige Hege und Pflege sich aber erst dann voll gelohnt haben wird, wenn aus ihnen eines Tages ein treues und zahlendes Stammpublikum geworden sein wird. Und, last not least, auch eine Abwertung der Musik selbst. Da ist zum einen jene Musik, die die Menschen selber mitbringen – sei es aus ihrem Herkunftsland, sei es aus vielen Jahren popkultureller Sozialisation: Zumindest unterschwellig droht sie zu einer „Unkultur“ zu werden, die es zu überwinden oder von der es die Menschen „abzuholen“ gilt. Und auch jene experimentelle, gemeinsam erfundene Musik, die unterwegs entsteht, muss in dieser Logik keinen Eigenwert besitzen. Sie ist ein pädagogisches Instrument im Dienste der kulturellen Missionierung.

Ich gestehe es ganz offen: Ich habe an diese Hinführung nie geglaubt. Das „Uneigentliche“ war eine Maskerade, um im Subventionsbetrieb überleben zu können. Ich hatte nie den Ehrgeiz, Kinder, Jugendliche oder ganze Familien zu „besseren Konzerthörern“ zu machen. Wenn ich mit ihnen im Rahmen eines Workshops ein Konzert besuchte (was ich sehr oft getan habe), dann war dies meist eine Zwischenstation: ein Ort der Recherche, der erstmaligen flüchtigen Begegnung oder der öffentlichen Präsentation – aber eben nicht Ziel und Zweck des Ganzen. In diesem Sinn war ich tatsächlich viele Jahre lang ein „Konzert-Pädagoge“. Ich „benutzte“ das Konzert als pädagogisches Instrument. Doch an erster Stelle ging es um den künstlerischen Prozess. Ums gemeinsame Komponieren. Oder, auf deutsch: ums „Zusammensetzen“.

Komponieren im Kontext „Familie“ kann bedeuten: Sich generationsübergreifend zusammen zu setzen. Einander zuzuhören, die Lieder und Geschichten der Alten mit denen der Jungen zu konfrontieren und sie zu etwas Neuem zu fügen. Es kann bedeuten, kompositorisches und vermittlerisches Handwerkszeug so zum Einsatz zu bringen, dass es genau dieser Begegnung im Hier und Jetzt dient; dass es ihr eine Gestalt, ein Ziel und einen Inhalt gibt, und diesem merkwürdigen Gebilde „Familie“ mit all seinen Brüchen und Widersprüchen einen adäquaten Klang. Wenn sich professionelle Musikerinnen und Musiker an einem solchen Prozess beteiligen, kann dies durchaus sehr bereichernd sein. Bloß: Sie sollten dabei keine missionarischen Hintergedanken hegen.

Seit 2011 habe ich meine Scharlatanerie schwarz auf weiß. Im Rahmen einer qualitativen Langzeit-Evaluation hat unser Kölner Büro für Konzertpädagogik einige Teilnehmer unserer früheren Projekte befragen lassen – darunter auch solche, deren Mitwirkung schon anderthalb Jahrzehnte zurücklag. Das Ergebnis: Sämtliche befragten Mitwirkenden maßen den besagten Musikprojekten einen hohen Eigenwert als positives und unvergessliches „Ausnahmeerlebnis“ bei. Doch nicht ein einziger Teilnehmer der Befragung gab an, durch die Teilhabe an einem konzertpädagogischen Projekt zu späteren Konzertbesuchen animiert worden zu sein. Bleibendes Interesse an klassischer oder Neuer Musik ließ sich nur dort beobachten, wo Schülerinnen und Schüler kontinuierlich, über lange Zeiträume mit ihr in Kontakt kamen – sei es durch eine mehrjährige schulische Musik-AG, durch außerschulischen Musikunterricht oder durch eine starke, unterstützende Resonanz im privaten Umfeld.

Merkwürdig war bloß: Es war niemand überrascht oder schockiert von diesem Befund. Die Reaktion der meisten Kolleginnen und Kollegen beschränkte sich auf ein müdes „War doch klar…“ und selbst der eine oder andere Intendant oder Redakteur, dem ich hinter verschlossenen Bürotüren von unserer Umfrage berichtete, reagierte mit einem lächelnden Achselzucken. Seither keimt ein ungeheuerlicher Verdacht in mir. Sollte ich etwa gar nicht der einzige sein…? Sollte es dort draußen etwa noch mehr Menschen geben, die, wie ich es früher tat, unter der Flagge des Uneigentlichen segeln, denen es aber in Wirklichkeit gar nicht ums „Hinführen“ und „Verjüngen“ geht, sondern um die Begegnung und ästhetische Auseinandersetzung im Hier und Jetzt?

Dass um des lieben Frieden willens alte Fassaden und Sprachregelungen aufrechterhalten werden, an die in Wirklichkeit keiner mehr glaubt – so etwas soll ja in den besten Familien vorkommen.

B. König / Bild: Jane Dunker

B. König / Bild: Jane Dunker

Bernhard König (geb. 1967) ist freiberuflicher Komponist, Autor und Interaktionskünstler. Er studierte Komposition bei Mauricio Kagel. 1997 war er Mitbegründer des Kölner „Büros für Konzertpädagogik“. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht seit 20 Jahren die Konzeption, Umsetzung und systematische Erforschung einer „Experimentellen Gebrauchsmusik“. Weitere Informationen: www.schraege-musik.de

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