Es geht immer um die Lust am Hören

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Interview mit Stefan Roszak

Stefan Roszak ist Musikpädagoge, Klangkünstler und Instrumentenbauer. Nach einer Ausbildung als Klavier- und Cembalobauer studierte er Musikwissenschaft, Kunstgeschichte, Philosophie und Schulmusik in Bochum und Berlin. Es folgte eine achtjährige Forschungs- und Lehrtätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Ästhetische Erziehung der Universität der Künste Berlin. Er ist überregional aktiv als Dozent- und Workshopleiter, gibt Seminare an Universitäten, führt Lehrer/innen-Fortbildungen durch und leitet künstlerisch-musikalische Projekte an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Schwerpunkte seiner Arbeit sind auditive Wahrnehmungsförderung, experimentelle Musikpädagogik, Improvisation, Kompositionspädagogik und experimenteller Instrumentenbau.

Stefan Roszak

Bei der Konferenz „Einfach Hören?!“ (13./14. November im Nikolaisaal Potsdam) stellte er seine „Experimentellen Instrumente“ vor und demonstrierte in einer Lehrprobe, wie und warum man damit ohne spezielle Voraussetzungen besonders gut eigene Musik erfinden kann.

www.experimentelle-instrumente.de

TD: Die Konferenz hier in Potsdam trägt den Titel „Einfach Hören?!“. Dabei ging es auch um die Frage, wie sich das Hören verändert, ob und wie es sich erlernen lässt. Kannst Du „Knackpunkte“ oder Prozesse in Deinem Leben benennen, an denen sich Dein eigenes Hören verändert hat?

SR: Spontan fällt mir dazu der Film „Amadeus“ ein. Als ich ihn gesehen habe, das war irgendwann Mitte der 1980er Jahre, hat mich dieser Film total bewegt. Ja, er hat mich gewissermaßen nervlich im positiven Sinn fertig gemacht. In diesem Film ist mir der dramatische Mozart zum ersten Mal begegnet. Der Mozart, der eher unter der Oberfläche zu finden ist. Vorher dachte ich Mozart sei ein Komponist, der immer nur „Trallala- und Hopsassa-Musik“ macht. Damit konnte ich nicht viel anfangen. Durch diesen Film habe ich den unheimlichen Tiefgang seiner Musik entdeckt. Und sie fasziniert mich bis heute. Noch während des Films habe ich bewusst die Entscheidung gefällt, dass ich professionell mit Musik zu tun haben wollte und Musik studieren möchte – und ich habe mich dran gehalten.

Ein ganz anderes Erlebnis hatte ich, als ich neu als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste (UdK) anfing. Zu der Zeit habe ich mich mehr und mehr für Neue Musik interessiert. Ich hatte in meiner Examensarbeit am Beispiel der Musik von John Cage über Ästhetische Erfahrung in der Grundschule geschrieben. Etwas später dann habe ich an einem fächerübergreifenden Seminar bei Daniel Ott, Kompositions-Professor an der UdK, teilgenommen. An diesem zweiteiligen Seminar nahmen viele Komponisten teil. Es fand im Winter und im Frühjahr auf dem Land in dem kleinen Dorf Sauen in Brandenburg, statt. Es ging v.a. darum wahrzunehmen und zu untersuchen, wie sich Klänge in der Landschaft verhalten: Klänge, die man selber in die Landschaft hineinschickt, akustische, elektronische Klänge, aber auch Klänge der Landschaft selbst. Sehr experimentell, neu und interessant war das für mich! Ich habe das als eine Art Initiationserlebnis erlebt: Ich habe gelernt, wie faszinierend es ist seine Ohren für die Welt der Klänge zu öffnen.

Etwas später fand am selben Ort in Brandenburg ein Workshop im Rahmen der „KlangKunstBühne“ statt – eine Art internationale Sommeruniversität der UdK . Ich hatte das Glück dort für Murray Schafer, einen berühmten kanadischen Komponisten und Klangkünstler, als Tutor arbeiten zu können. Schafer hat wegweisend die Soundscape-Bewegung, die heute weltweit aktiv ist, mitbegründet: Er hat Klänge systematisch archiviert, indem er Aufnahmen von Klangsituationen gemacht hat: Sprachen, Orte, Maschinenklänge, die zum Teil heute längst verschwunden sind. Und er hat das in seiner für ihn eigenartigen Mischung gemacht: mit dem Geist eines Forschers, Geografen oder Ethnologen, aber immer auch als Künstler und Musiker. Schafer ist bis heute einer wichtigsten Pioniere der Hörforschung.

Das waren drei wesentliche Anreger, die mir die Ohren in unterschiedlicher Weise geöffnet haben: der Film „Amadeus“, ein Seminar zum Landschaftsklang in Brandenburg und die persönliche Begegnung mit Murray Schafer.

TD: Ich hatte auf der Tagung den Eindruck, dass es gewissermaßen zwei unterschiedliche Schuhe sind: Musik mit dem „Ohrphon“ zu erklären und Musik zu hören, wie Du sie vermittelst, indem man sie selbst erfindet. Siehst Du das auch so? Und wenn ja, sollten die beiden Formen der Musikvermittlung unter unterschiedlichen Gesichtspunkten diskutiert und reflektiert werden?

SR: Ich glaube, dass es letztlich bei jeder Form von Musikvermittlung und Konzertpädagogik ganz wesentlich darum geht, Achtsamkeit und eine Lust am Hören zu erzeugen. Man sollte m.E. zuerst das sinnliche Erlebnis fördern und Musik sozusagen schmackhaft machen, den Appetit dazu anregen, sie bewusst hören zu wollen. Das ist vielleicht so, wie wenn man jemanden zum Essen einlädt: Es geht darum den Gast mit sinnlichen Erlebnissen zu beglücken. Man lenkt das Hören nicht mit dem Gestus des Besser-Wissers, sondern eher dem des Verführers.

Ich habe den Eindruck, dass das auch mit dem „Ohrphon“ zumindest teilweise möglich ist. Bei mir hat es jedenfalls funktioniert. Ich selbst schweife im Konzert mit meinen Gedanken oft ab. Gegen das streng strukturelle Hören habe ich eine gewisse Aversion, trotz oder vielleicht sogar wegen des musikwissenschaftlichen Studiums. Hinweise und Hintergründe können dazu beitragen, die Wahrnehmung auf den musikalischen Moment, den Verlauf und Zusammenhänge zu lenken, die Musik dadurch intensiver zu hören und vielleicht dazu anregen sich das Stück nach dem Konzert nochmals anhören zu wollen.

Um noch einmal auf die Frage zurück zu kommen: Ich glaube, was Du ansprichst, sind keine Gegenwelten: Es geht immer um die Lust am Hören, um die Erfahrung – egal, ob ich über Umgebungsklänge und Alltagsgeräusche spreche, die ich bisher nie bewusst oder ästhetisch wahrgenommen habe, oder ob ich ein Mozartstück höre. Wesentlich ist letztlich die Achtsamkeit, eine Fähigkeit, mit der man den Hörgenuss deutlich steigern kann. Ein Teil davon ist aber auch Reflexion, dass ich mir als Hörender selbst zuhöre und mich in diesem Moment als sinnlich aktiver Mensch erlebe. Ich mache mir quasi simultan auf einer Metaebene bewusst, dass und wie ich höre. Es ist immer wieder eine pädagogische Herausforderung für mich, Menschen genau dafür zu sensibilisieren und damit nicht zuletzt ihre Genussfähigkeit und Lebenslust zu fördern.

TD: Funktioniert kollektives Improvisieren mit ungewöhnlichen Klängen und experimentellen Instrumenten besser mit Kindern oder mit Erwachsenen, die ja auf viel mehr Hörerfahrung zurückblicken können?

Kinder im Grundschulalter sind in der Tat sehr offen, ihre Spiellust ist ausgeprägter und sie haben ihre musikalischen Präferenzen noch nicht so stark ausgebildet. Kinder, mit denen ich arbeite, haben noch nie ernsthaft in Frage gestellt, ob völlig atonale, experimentelle Musik, die ich mit ihnen mache, überhaupt Musik ist. Sie wundern sich auch nicht darüber, dass ich eine Zink-Wanne mit größter Selbstverständlichkeit als Musikinstrument bezeichne. Erwachsene tun das schon eher.

Im Grundschulalter spielt Musik bei der Bildung von Peer-Groups und im eigenen Identifikationsprozess noch nicht so eine zentrale prägende Rolle wie später in der Pubertät. Dann kann es, zuindest anfänglich, durchaus etwas schwieriger sein Schüler/innen für Klangexperimente zu begeistern. Letztlich aber, so meine Erfahrung, mögen es Menschen jeden Alters gern in ein vorbereitetes Setting zu gehen, wo man nach Herzenslust mit den eigenen Händen und Ohren mit Klängen spielen kann. Wenn Erwachsene mit meinen experimentellen Musikinstrumenten spielen, werden sie meist sowieso ganz schnell wieder zu Spielkindern.

Das Interview führte Till Dahlmüller.

Adrienn Bazsó und Panagiotis Iliopoulos im Interview

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Interview mit Adrienn Bazsó und Panagiotis Iliopoulos am 20.11.2015 in der Staatsoper im Schillertheater

Die Dramaturgen Adrienn Bazsó und Panagiotis Iliopoulos sprechen über ihre szenische Probe in der Staatsoper im Schillertheater am 20.11.2015 mit den drei Schulklassen der Miriam-Makeba Grundschule (Moabit), der Hasengrund-Grundschule (Pankow) und der Evangelischen Grundschule (Neukölln).

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Was haben Sie heute mit den Schülern hier gemacht?

Iliopoulos: Heute waren das erste Mal die drei Schulklassen (70-80 Kinder) auf einer Bühne. Für die Kinder war wichtig, dass sie sich gegenseitig kennenlernen und, dass sie den jeweiligen Stand ihrer Arbeit präsentieren und Einblicke in die Kompositionsarbeit der anderen Schulen bekommen.

Sie sollten das Auftreten und Abtreten bewusst als solches wahrnehmen. Dass ich nicht einfach irgendwie auf die Bühne komme, sondern, dass ich dabei präsent bin und dies schon Teil der Aufführung ist. Das sind wichtige Dinge, die der ganzen Aufführung Gewicht geben.

Bazsó: Wichtig war uns, dass die Kinder merken: Es wird langsam ernst. In zwei Monaten werden sie auf einer ähnlich großen Bühne stehen. Sie sollten heute erfahren wie es ist auf so einer Bühne zu stehen, wie die Aufführungssituation am Ende aussehen wird. Und ich glaube diese Erfahrung wird die Arbeit in den Klassenräumen auch positiv beeinflussen.

 

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Adrienn Bazsó mit SchülerInnen der Evangelischen Grundschule Neukölln

 

Kannten Sie die heutigen vorläufigen Ergebnisse?

Bazsó: Das was heute vorgeführte wurde war für uns neu. Wir haben zwar in allen Schulklassen einmal hospitiert und gesehen wie die Komponisten mit den Schülern arbeiten, kannten aber das heute vorgeführte auch noch nicht.

Wie konnten Sie die einzelnen Stücke in Szene setzen, wenn Sie sie noch nicht kannten?

Bazsó: Als wir hospitierten stellten wir fest, dass mit sehr unterschiedlichen Mitteln und Herangehensweisen komponiert wird. Dann haben wir uns konzeptuell Gedanken gemacht, wie wir die späteren unterschiedlichen Kompositionen zu Einem machen können. Ausgehend vom diesjährigen Thema „Handy + Internet = Miteinander?“ haben wir Kommunikation als übergeordnetes Thema gewählt. Wir wollen die drei Gruppen durch Kommunikation miteinander in Verbindung treten lassen. Das haben wir heute mit ersten Szenischen Übungen angerissen. Natürlich kommt hier auch unsere Ästhetik und unser Humor zum Tragen: am Ende stehen weniger reibungslose, als vielmehr unglückliche, gescheiterte Kommunikationsversuche.

Iliopoulos: Leider haben wir nicht den Luxus mit den Kindern viel ausprobieren und entwickeln zu können, weil es nur drei Probentermine gibt. Deshalb müssen wir viel konzeptuell am Schreibtisch arbeiten. Und das ist immer schwierig, weil man nie weiß, ob etwas am Ende funktioniert oder nicht. Als Wegweiser gilt uns: Jede Schule bekommt dieselbe Aufmerksamkeit. Wir wollen der Aufführung eine übergeordnete Struktur, eine Metaebene geben, damit aber die Unterschiedlichkeit der Kompositionen nicht überdecken. Wir werden auch weiter hospitieren um die Entwicklungen in den einzelnen Klassen nicht aus den Augen zu verlieren.

Das Interview führte Till Dahlmüller.

 

 

Projektbörse des JUNGE OHREN PREIS 2015 am 26. November ab 11 Uhr in der Villa Elisabeth

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Bevor am 26. November 2015 in der Villa Elisabeth das Geheimnis um die Gewinnerinnen und Gewinner des JUNGE OHREN PREIS gelüftet wird, gibt die Projektbörse ab 11.00 Uhr Gelegenheit, die nominierten PRoduktionen und Projekte in Filmausschnitten, Intervies und teilweise kurzen Showcases zu erleben.

Moderiert wird die Projektbörse von Lydia Grün und Katharina von Radowitz, unterstützt durch Mitglieder der Jury: Joachim Litty (Landesmusikakademie Berlin), Markus Lüdke (Musikland Niedersachsen gGmbH) und Marie-Therese Rudolph (KulturKontakt Austria).

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Programm der Projektbörse:

11.30 Uhr Begrüßung

11.45 Uhr Vorstellung der Nominierten in der Kategorie „Best Practice, Partizipatives Projekt“ in Filmausschnitten, Interviews und Live-Performances

Skurrile Objekte (Stefan Roszak, Kulturagenten für kreative Schulen, Fichtelgebirge Grundschule) mit Stefan Roszak, beteiligten Kindern und Lehrerin Gabi Berger

RADIO VIELFALT (MEHR MUSIK! Augsburg) mit Ute Legner (Projektleitung) und Irene Hausl

Die gute Stadt (Theater Freiburg) mit Thalia Kellmeyer (Regie und Leitung Junge Oper)

SPEAK! Jugendliche rappen Mozarts Requiem (Concerto Köln) mit Schüler/innen der Klasse 8b/d des Gymnasiums Köln/Pesch, Barbara El-Arabi-Dietz und Benjamin Kuß (Musiklehrer/in), Alexander Scherf (Musikalische Leitung), Michael Rathmann (Concerto Köln), Oliver Sperling (Domkantor Köln)

12.45 Uhr Schaufenster: KLANGRADAR BERLIN
Projektvorstellung mit Burkhard Friedrich (Künstlerische Leitung) und Stephanie Heilmann (Projektleitung)

13.00 Uhr Kategorie LabOhr – der Konzeptpreis
Einblick: Was ist aus dem Preisträgerkonzept 2014 „Die beste Beerdigung der Welt“ geworden? Mit Lisa Stepf (Quartett PLUS 1)

13.10 Uhr Vorstellung der Nominierten in der Kategorie „LabOhr“ in Filmausschnitten und Interviews

Composer Slam (MusikZentrum Hannover gGmbH und Simon Kluth) mit Sabine Busmann (Projektleitung) und Simon Kluth (Konzept und Moderation)

Plingpolyplü Fantastiko (Büro für Konzertpädagogik e.V.) mit Ortrud Kegel und Prof. Dr. Johannes Voit (Konzept und Künstlerische Leitung)

Klangradar – Vision Kirchenräume (VISION KICRHENMUSIK und Burkhard Friedrich) mit Ulf Pankoke (Projektmanagement) und Burkhard Friedrich (Künstlerische Leitung)

13.45 Uhr Kaffeepause

14.45 Uhr Schaufenster: Kultur öffnet Welten
Projektvorstellung mit Claudia Frenzel (Projektleitung)

15.00 Uhr Vorstellung der Nominierten in der Kategorie „Best Practice, Konzert“ in Filmausschnitten, Interviews und Live-Performances

Unterwegs nach Umbidu (Die Schurken) mit Stefan Dünser und Martin Deuring (Die Schurken)

Musiktheater im Klassenzimmer (Kammerorchester Basel) mit Noëmi Schwank (Projektleitung), Christoph Dangel (Cellist) und Salomé im Hof (Regisseurin)

Monsters and Angels (Tonkünstler-Orchester Niederösterreich) mit Axel Petri-Preis (Konzept) und Esther Planton (Tonspiele Musikvermittlung)

Teufels Küche (KinderKinder e.V.) mit Carola Schaal (Klarinettistin), Heiko Hentschel (Regisseur), Stephan von Löwis of Menar (Produzent)

16.00 Uhr „Open Mic“ Musikvermittlung
Projekte von Teilnehmer/innen des netzwerk junge ohren stellen sich vor

darin:
Filmpräsentation “Das unscharfe Schwanken in den Randgebieten”
Ein Education Projekt des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) zu dem Stück „Schwankungen am Rand“ von Helmut Lachenmann

Anschließend Get together (bis max. 17.30 Uhr) …

… und um 19.00 Uhr geht es mit Preisverleihung weiter!

Programmheft

Interview mit der Komponistin Sofia Borges

Interview mit der Komponistin Sofia Borges in der Evangelischen Grundschule Neukölln am 21. September 2015

 Borges_Klangradar.Foto Maria Leonardo

(c) Maria Leonardo

Sofia Borges ist eine der Komponist/innen von KLANGRADAR BERLIN und entwickelt an der Evangelischen Grundschule Neukölln zusammen mit der Klasse 6a eine Komposition.

Sofia Borges über sich selbst: Ich bin in Portugal aufgewachsen. Ich wollte seit ich Kind war Musikerin werden. Also habe ich angefangen Schlagzeug zu spielen und später am Konservatorium klassisches Schlagzeug gelernt. Ich habe aber auch viel Volksmusik und Jazz gespielt, was ich dann in Lissabon auch studiert habe. Dort hatte ich einen sehr guten Lehrer, der mir komponieren beigebracht hat. Ich war begeistert von diesem Lehrer und daraufhin habe ich angefangen selber zu komponieren. In den letzten Jahren habe ich mit vielen Musikern auf der Welt zusammengespielt.

Seit wann komponieren Sie mit dieser Klasse?

Seit Anfang August. Heute ist die vierte Stunde.

Wie war der Einstieg in das Projekt? Wie haben Sie den Kindern erklärt was Sie in den kommenden Monaten zusammen machen werden?

Ich habe zusammen mit Burkhard Friedrich KLANGRADAR vorgestellt und die Kinder konnten dann entscheiden, ob sie daran teilnehmen wollen.

In der ersten Stunde haben wir dann angefangen Musik zu spielen. Die Kinder haben Gläser und Schrauben bekommen und sollten damit einen Klang machen und der Klasse vorstellen, welcher Klang mit diesen Materialien möglich ist.

War das für die Kinder sehr befremdlich?

Nein, sie waren sehr engagiert und haben viele verschiedene Klänge vorgestellt!

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(c) netzwerk junge ohren

Was heißt es für Sie Musik zusammen mit Kindern zu erfinden? Was reizt Sie daran?

Im klassischen Musikunterricht hatte ich Noten vor mir und musste diese nachspielen. Und auch die Kinder hier im Unterricht sind gewohnt, dass man mit klassischen Instrumenten, wie Geige oder Gitarre, klassisch notierte Musik spielt. Hier bei KLANGRADAR BERLIN machen wir nun etwas sehr anderes: Die Kinder sollen sich zunächst überlegen welche Klänge sie hören wollen, und sie sollen die Klänge nicht auf Instrumenten, sondern auf Gegenständen erzeugen.

Dirigenten sagen manchmal zu den Orchestermusikern: „Ihr müsst die anderen hören!“ Doch dort ist der Klang, dem man zuhören soll, schon da, er ist bereits aufgeschrieben. Ich glaube echtes Zuhören können wir lernen, wenn noch kein Klang produziert ist und es an uns selber liegt, welcher Klang ertönt, welchen Klang wir hören wollen. Zuhören hat viel mit Achtsamkeit zu tun, es geht von einem selber aus. Das möchte ich mit den Kindern hier erfahren.

Wenn ich etwas höre, habe ich aber doch meistens schon Erwartungen. Wenn sich die Kindern nun fragen, was sie hören möchten, was ist das dann?

Wenn ich die Kinder das frage, antworten sie oft: „Das!“ und machen ein Geräusch. Wenn ich dann den Eindruck habe, dass sie nicht genau hin hören, dann vergleichen wir verschiedene Geräusche damit sie sich auf den Klang konzentrieren und ein Gefühl für Differenzen bekommen. So können sie zwischen unterschiedlichen selbstproduzierten Klängen auswählen welches ihnen am besten gefällt.

Was wird in den kommenden Wochen noch passieren?

Wir fangen jetzt schon an zu komponieren. Ich habe auch einige Ideen für eine Abschlusskomposition, die ich mit den Kindern ausarbeiten möchte. Heute haben wir eine Übung gemacht und anschließend schon eine Bühnensituation simuliert. Dabei gab es eine wichtige Regel: keine Korrekturen, keine Kritik, sondern erst einmal zuhören. Es ging darum einen Zwischenstand zu präsentieren, ein „Work in Progress“ – für viele Kinder ist das neu. Sie kennen aus der Schule, dass sie nur fertige Arbeiten präsentierten sollen und nur selten ergebnisoffen an eine Sache herangehen dürfen. Auf diese Weise werden auch Zwischenschritte wertvoll. Das kennen viele Kinder noch nicht.

Das Interview führte Katharina von Radowitz.

Interview mit dem Komponisten Krystoffer Dreps

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Interview mit dem Komponisten Krystoffer Dreps am 14.10.2015 in der Miriam Makeba Grundschule (Moabit)

Klangradar M.Makeba Klangforschung IV


Krystoffer Dreps ist einer der Komponist/innen von KLANGRADAR BERLIN, der mit einer 5. Klasse an der Miriam Makeba Schule in Moabit eine Komposition entwickelt.

Krystoffer Dreps über sich selbst:

Ich bin freischaffender Komponist und Trompeter. Musikalisch bin ich in drei Welten gleichzeitig unterwegs. In der Jugend noch Rockgitarrist, habe ich dann später Klassik und Jazz studiert und schreibe für beide Musiken mit einem „Rock-Hintergrund“ und hoffe dass es irgendwann mehr eins wird, statt immer bei den Polen angesiedelt zu sein. Die Arbeit bei KLANGRADAR BERLIN reizt mich, weil ich Klangforschung für sehr wichtig halte und ich hier für mich die Möglichkeit sehe, Klangforschung auf einer ganz basalen Ebene zu erleben. Es gab bei den Schülerinnen und Schülern schon Sounds, die so spannend klangen, dass ich gedacht habe; die will ich selber mal für eigene Stücke verwenden!


Haben Sie schon einmal mit Kindern in der Schule komponiert?

Komponiert wie hier bei KLANGRADAR BERLIN habe ich noch nicht in der Schule. Aber ich habe schon als Vertretungslehrer in einer Grundschule Klangforschung betrieben, mit Kindern der 4. bis 6. Klasse. Dort hatte ich völlig freie Hand und habe alles Mögliche gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern ausprobiert: Da haben wir zum Beispiel die Federmappe von jedem klanglich durchleuchtet.

Was haben Sie heute hier in der Miriam Makeba Schule im Unterricht gemacht?

Es ging heute um zwei Dinge.

Zum Einen: Wir nehmen das diesjährige Thema KLANGRADAR BERLIN „Handy + Internet= Miteinander?“ ziemlich wörtlich. Gerade geht es um das Handy: Wir haben in den letzten Stunden erforscht, welche Bewegungen man mit dem Handy machen kann. Neben dem Wischen und Tippen, das einem sofort einfällt, gibt es noch eine Reihe anderer Möglichkeiten. Diese Bewegungen (übertrieben und vergrößert) haben wir heute auf traditionelle Instrumente übertragen. Zuvor haben wir bereits auf verschiedenen anderen Materialien ausprobiert und geschaut, was das für Klänge produziert: am Körper, auf dem Tisch, mit Büchern.

Heute war die erste Stunde, wo wir genau das auch auf „klassischen“ Instrumenten versucht haben. Die Idee war, nicht nur die Verbindung zum Handy herzustellen, sondern auch, dass konventionelle Instrumente nicht konventionell benutzt werden: Wie kann ich Klang erzeugen, ohne das zu tun, was man normalerweise damit tut? Am Anfang haben alle mit dem Schlegel auf das Xylophon geschlagen. Mit der Zeit, auch durch die Kommunikation in der Gruppe haben die Kinder verstanden, dass es um das „Anders Machen“ geht, um Sensibilität für neue Klänge.

Zum anderen haben wir uns heute damit beschäftigt, wie wir das, was wir in der Gruppe als Klang erarbeitet haben, „aufschreiben“ oder festhalten. Wir haben in den letzten Stunden verschiedene Formen von Partitur-Schrift ausprobiert, mit Karten und Zeichen. Heute hatte jeder ein eigenes farbiges Papierstück und konnte dies auf eine X/Y Achse legen. So konnte jeder entscheiden, wann und mit wem er spielt. Dadurch hatten wir eine starke visuelle Kopplung von Komposition und Spiel.

Ich habe gesehen, dass in einigen Gruppen von den Schülern sehr engagiert diskutiert wurde, was gut und was schlecht lief und wo und wie sie etwas verbessern können. Dort ging es beispielsweise auch um die Abstimmung des gemeinsamen Spiels auf leise Klänge. Wie ist das Verhältnis zwischen dem eigenen Entdeckungsdrang der Schüler und Ihrer Funktion als Komponist, als „Lehrer“?

Generell ist mein Ziel, möglichst wenig zu intervenieren. Aber ab und zu muss es einen klaren Hinweis von mir geben, weil es immer Schüler gibt, die mit ganz anderen Sachen vertraut sind und sich schwer in die Übung hineindenken können. Der tiefere Lerneffekt entsteht natürlich dann, wenn die Schüler selbst auf bestimmte Dinge stoßen. Heute habe ich eigentlich viel zu viel intervenieren müssen. Das lag aber daran, dass sich die Schüler in einer der Gruppen nicht verstanden haben. Das war also ein außermusikalisches Problem. Es gab aber auch Probleme auf der musikalischen Ebene; Einige Schüler hatten die Aufgabenstellung nicht ganz verstanden und sich nicht auf die oben beschrieben Weise mit dem Instrument auseinandergesetzt. Das ist allerdings nicht selten so…diese Schwierigkeiten gibt es ja in allen Fächern.

Wie geht es in den folgenden Wochen weiter? Bauen Sie auf die Übungen aus der heutigen Stunde auf?

Sowohl, als auch. Die heutige Stunde wird noch einmal thematisiert werden, weil viele musikalische Aspekte in der kurzen Zeit von einer Unterrichtsstunde gar nicht besprochen werden konnten; wie zum Beispiel Übergänge oder Klangdifferenzierung, also die Abstimmung eines lauten und eines leisen Klanges aufeinander.

Das Thema „Bewegung“, womit wir uns heute beschäftigt haben, ist eines von drei Themenschwerpunkten. Es geht neben der „Bewegung“ auch um das „Ich“ und um das „Ihr“. Beim „Ich“ wird es darum gehen, wie reagiere ich, wie wirken Sachen auf mich und wie kann ich mich klanglich in Szene setzen? Dort spielt die eigene Stimme eine wichtige Rolle. Beim „Ihr“ geht es um die Rezeption der „Anderen“ und die Wirkung auf das Selbst. Dort werden wir mit Text und Sprache arbeiten. Am Ende führen wir diese drei Themen zusammen und sind dann beim Thema „Kommunikation“.

Das Interview führte Till Dahlmüller.

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