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Die Bedeutung von Familie für kulturelle Bildung

Autorin: Dr. Charlotte Giese

Aufregend-anregend: aktives Musizieren | Bild: olly/Fotolia

Woher hat er das nur? Wenn der Zweijährige plötzlich Klavierspiel und Dirigat nachahmt oder voller Begeisterung in das Saxophon pustet, erstaunt das niemanden, zumindest nicht, wenn mindestens ein Elternteil Profimusiker ist. Es verwundert hingegen schon eher, wenn die zwölfjährige Tochter leidenschaftlich Klarinette übt, obwohl in der Familie ansonsten niemand ein Instrument spielt und Mutter oder Vater selbst keine musikalische Ausbildung genossen haben. Erklärbar ist beides: Der Zweijährige inszeniert seine Umwelt im Spiel nach, und die Zwölfjährige sucht sich Impulse außerhalb der Familie.

In beiden Fällen setzen sich die Kinder mit ihrer kulturellen Umgebung auseinander. Genauer gesagt: Sie integrieren das, was sie kulturell erfahren – in diesem Fall ein wiederkehrendes musikalisches Erlebnis – in ihr eigenes Verhaltensrepertoire und Handeln. Die oben genannten Beispiele illustrieren damit Formen kultureller Bildung, die als Weitergabe von Kultur (erstes Beispiel) und im engeren Sinne als Vermittlung kultureller Techniken und Fertigkeiten (zweites Beispiel) verstanden werden kann. Darunter fallen Bereiche wie Literatur, Kunst, Sport und Musik. In den Fokus soll hier die musikalische Bildung als Teil kultureller Bildung an sich gerückt werden, um die Bedeutung von Familie für kulturellen Transfer und kulturelle Bildung zu illustrieren.

Familie ist der erste Ort, an denen Kindern Kultur begegnet. Hier wird Kultur gemeinsam gelebt – und damit weitergegeben. Eltern sind in ihrem Alltags- und Erziehungshandeln, mit ihren Werthaltungen, kulturellen Praktiken und Techniken des alltäglichen Lebens immer selbst in kulturelle Kontexte eingebettet. Familie als Bildungsort, als erste Lernumgebung ist eine wichtige Bezugsgröße für die kulturelle und damit auch musikalische Sozialisation von Kindern. Kinder eignen sich ihre kulturelle Umgebung zunächst in der Familie aktiv an, unabhängig davon, wie „Familie“ gelebt wird.

Die Erkenntnis, dass Kinder sich das zu eigen machen, was sie in ihrer Familie erleben, ist auch der Ausgangspunkt des durch das Bundesfamilienministerium geförderten Projekts „Wertebildung in Familien“ in der Trägerschaft des Deutschen Roten Kreuzes (1). Ein positives Vorleben der Eltern erleichtert es Kindern, sich in einer komplexen Welt zurechtzufinden. Erst später gewinnen auch andere erwachsene Bezugspersonen und der Austausch mit anderen Kindern an Bedeutung für die Entwicklung und auch für die Ausprägung eigener – zum Beispiel musikalischer – Interessen.

In der kindlichen Neugier auf die Umwelt lässt sich Freude am Musizieren wecken. Wenn Kinder in der Familie entsprechende (Frei-)Räume für eine aktive Beschäftigung mit Musik vorfinden, entstehen fruchtbare Rahmenbedingungen für musikalische Aneignungsprozesse. Ob Familien gemeinsam musizieren, ob Eltern selbst Freude daran haben oder ob die Kinder sich ihre eigenen musikalischen Wege suchen: Entscheidend ist die Offenheit und positive Einstellung der Eltern für kulturelle Bildung – speziell für die Musik und das Musizieren.

KLANGRADAR BERLIN – Mit den Ohren sehen lernen | Bild: Maren Strehlau

Wie lassen sich diese Freiräume generieren bzw. welche Möglichkeiten sind denkbar, um Familien gerade im Hinblick auf ihre musikalischen Aktivitäten zu unterstützen? Naheliegende Ansatzpunkte für eine entsprechende Arbeit mit Familien liegen in den musikalischen Biografien von Familien. Um Kinder zu erreichen, müssen die Eltern mitgedacht werden, unabhängig davon, ob sich die Angebote ausschließlich an Kinder, an Eltern oder an Familien insgesamt richten. Wo könnten also Unterstützungsangebote für Familien ansetzen? Zur Veranschaulichung sollen zwei vorstellbare Szenarien konstruiert werden.

Zum einen können Eltern noch kleiner Kinder selbst aktiv musizieren. Viele junge Eltern beschränken ihre zum Teil intensiven musikalischen Aktivitäten (vom regelmäßigen Konzertbesuch bis hin zum eigenen Singen und Musizieren) nach der Geburt eines Kindes erfahrungsgemäß stark oder stellen sie vollständig ein. Neben Kinderbetreuung, Beruf und Alltagsaufgaben bleibt oft zu wenig Zeit für gemeinsame oder gar persönliche Freizeitaktivitäten. Die meisten bedauern den Verzicht und nicht selten dauert es lange, bis die Rückkehr in den Chor/die Band/das Orchester stattfindet. Das Potenzial für eine aktive Auseinandersetzung mit Musik in der Familie und des frühen Erlebens von Musik im familiären Alltag geht so auch für die Kinder (zumindest in Teilen) verloren. Indem man Eltern durch passende und sinnvoll gestaltete Betreuungsangebote darin unterstützt, ihre musikalischen Aktivitäten fortzusetzen, wird auch die familiäre Ausgangsbasis gestärkt. Die persönliche Zufriedenheit der Eltern steigt, was durchaus zu einem positiven und anregenden Familienklima beiträgt. Und darüber hinaus bleibt der Familie die Musik als selbstverständlicher Begleiter im Alltag erhalten, wodurch die Kinder auch ihrerseits früh selbst einen Bezug zu musikalischen Aktivitäten entwickeln können. Proben mit integrierter Kinderbetreuung können nicht nur eine persönliche Bereicherung für Eltern, sondern bei entsprechender professioneller Ausgestaltung der Betreuung auch ein musikalisches Angebot für die Kinder sein. Solche Familien sind vielleicht auch offen für gemeinsame musikalische Aktivitäten in Form von zum Beispiel Eltern-Kind-Musikgruppen.

Demgegenüber stehen Familien, in denen es von vornherein kaum Bezug zum eigenen Musizieren gibt. Musik bezieht ihren Stellenwert über den (medialen) Konsum, das eigene Musizieren ist im Bewusstsein der Eltern kaum präsent und wird von ihnen daher auch nicht aktiv angeregt. Die Kinder erleben in der Familie also keine aktivierende Umgebung zum Selbst-Musizieren. Je älter die Kinder werden, desto stärker gewinnen außerfamiliäre Einflüsse an Bedeutung. Möglicherweise erfahren sie durch Angebote in der Schule oder Kontakte zu Gleichaltrigen Anregungen und entwickeln sogar Interesse am eigenen Musizieren. Zeigen sich Eltern dann offen für die Interessen ihrer Kinder, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie ihnen entsprechende Aktivitäten wie das Erlernen eines Instruments ermöglichen. Falls Eltern musikalische Unternehmungen ihrer Kinder zum Beispiel aus Unsicherheit oder Unkenntnis – wie bspw. die Sorge vor entstehenden Kosten – nicht fördern (können), ist es entscheidend, dass das nötige Wissen vermittelt wird. Hier ist die Frage, wie Eltern Informationen über Unterstützungsmöglichkeiten erhalten – sei es der Hinweis auf eine Stiftung, die Instrumente für den Musikunterricht zur Verfügung stellt oder Leistungen im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe. Ebenso wichtig sind Gelegenheiten, an denen Eltern die Freude ihrer Kinder am eigenen Musizieren erleben können – beispielsweise bei Aufführungen oder offenen Proben. So kann die nötige Offenheit für musikalische Bildung in der Familie entstehen. Und das ist elementar wichtig, denn die Eltern schaffen die familiären Rahmenbedingungen für die musikalischen Aktivitäten ihrer Kinder.

Seitens der Musikschulen gibt es ein reichhaltiges Maßnahmenpaket im Rahmen der Initiative „Musikalische Bildung von Anfang an“ des Verbands deutscher Musikschulen (VdM), dessen Ziel die Entwicklung eines musikalischen Bildungskonzepts für die gesamte Altersgruppe von 0 bis 10 Jahren und deren Familien ist. Die Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen richten sich vornehmlich an Musikpädagoginnen sowie Erzieher und Grundschullehrerinnen. (2) Die Förderlandschaft für die musikalische Bildung ist auf der Ebene außerfamiliärer Akteure breit aufgestellt. Wünschenswert wäre eine stärkere Anbindung an die institutionelle Familienbildung, um bei Kindern, Eltern und Familien optimale Voraussetzungen und Entwicklungsmöglichkeiten für musikalische Aktivität im Sinne kultureller Bildung zu schaffen. Peter Cloos geht in seinem Beitrag auf kubi-online.de (3) auf das vielschichtige Wechselverhältnis von kultureller Bildung und familiärer Erziehung ein und plädiert für eine Stärkung der Elternarbeit in der kulturellen Bildung. Falls es gelinge, Eltern durch gezielte Ansprache für die Bedeutung kultureller Bildung zu sensibilisieren und als Bildungspartner zu gewinnen, sei dies ein Schlüssel zu kulturellen Erfahrungen der Kinder.

Familie ist ein zentraler Ort der kulturellen Bildung. Musikalische Bildung und kulturelle Bildung an sich sind nicht nur als Bereicherung von individuellem und familiärem Leben von Bedeutung, sondern vermitteln wichtige grundlegende Kompetenzen zur Erschließung kultureller (und damit gesellschaftlicher) Kategorien. Eine frühe Verankerung musikalischer Bildung in der Biografie trägt auch zur Herstellung von Chancengleichheit der Bildungs- und Entfaltungsmöglichkeiten sowie der kulturellen Teilhabe bei. Zahlreiche (Förder-)Programme nehmen die außerschulische und familiäre kulturelle Bildung in den Fokus. (4) Die Lernpartnerschaft „Cultural Learning for Families“ auf europäischer Ebene von 2011 bis 2013 formulierte Anforderungen an eine Familienarbeit für kulturelle Bildung. (5) Die Landschaft der Familienbildung in Deutschland bietet einen hervorragenden institutionellen Rahmen für den Ausbau und die Vertiefung kultureller Bildungsarbeit mit Familien, auch aus musikalischer Perspektive. Musik kann die Welt erschließen. Und ganz nebenbei kann sie Familien positive gemeinsame (musikalische) Erlebnisse bescheren.

Quellen/weiterführende Informationen:

  1. Das träger- und weltanschauungsübergreifende Projekt „Wertebildung in Familien“ startete als Praxisprojekt. Von 2008 bis 2013 entwickelten und erprobten bundesweit verteilte Praxisstandorte der Familienbildung Angebote für Familien rund um das Thema Werte. Neben Angeboten für Familien entstanden später auch Fortbildungen zur wertesensibilisierenden Arbeit für andere Praktikerinnen und Praktiker. Seit 2014 steht der virtuelle Dialog mit Eltern und Fachkräften im Fokus. www.wertebildunginfamilien.de
  2. Mehr dazu unter www.musikschulen.de. Beispielhaft zu nennen ist an dieser Stelle auch das Engagement der Bertelsmann-Stiftung für die musikalische Bildung mit Projekten wie „Musikalische Grundschule“ und „Musik im Kita-Alltag“, siehe www.bertelsmann-stifung.de.
  3. Cloos 2012: Kulturelle Bildung und Eltern: (k)ein neues Thema? URL: http://www.kubi-online.de/artikel/kulturelle-bildung-eltern, zuletzt abgerufen am 03.08.2015.
  4. Ein Beispiel ist das Programm „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des BMBF.
  5. Eine Zusammenfassung der Erkenntnisse auf Deutsch von Rolf Witte liegt vor unter http://www.kubi-online.de/artikel/kulturelle-bildungsangebote-familien-potentiale-nutzen-qualitaet-entwickeln#node-files-4900, zuletzt abgerufen am 20.08.2015

3_Charlotte Giese_privat
Charlotte Giese wuchs im Ruhrgebiet auf. Sie interessierte sich als einziges Familienmitglied für klassische Musik und machte sie früh zu ihrem Hobby. Das Thema Familie liegt der promovierten Kulturwissenschaftlerin privat und beruflich am Herzen. Seit 2009 koordiniert sie das verbände- und trägerübergreifende Bundesprojekt der Familienbildung „Wertebildung in Familien“ beim Deutschen Roten Kreuz Generalsekretariat. Das Projekt wird gefördert vom BMFSFJ. Vortragstätigkeiten im Rahmen des Projekts führten sie u. a. nach Istanbul zum Gipfel der Weltfamilienorganisation und zu den Vereinten Nationen nach New York, wo sie 2012 zu einem Nebenevent des ECOSOC beitrug.

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