Mit Ausstellungen, Stadtführungen, Initiativen und Erinnerungsprojekten wird in diesem Jahr in Deutschland in besonderer Weise der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 gedacht. Auch nach 80 Jahren finden sich nur schwer Worte für eine angemessene Erzählung der Folgen aus der NS-Diktatur. Dokumentationen, Informationstafeln und Stolpersteine erinnern stumm an die grausamen Verbrechen des Nazi-Regimes. Das stille Gedenken wird jedoch besonders in diesem Jahr um Projekte und Initiativen ergänzt, die mit der emotionalen Kraft der Musik Geschichte lebendig machen. Respekt, Behutsamkeit und Toleranz als Grundlagen unseres Demokratieverständnisses entstehen durch die musikalisch-klangliche Beschäftigung mit Geschichte fast von selbst, wie die drei folgenden Beispiele zeigen. Musikalische Praxis ist dabei Hilfe zum Finden einer Sprache für Unaussprechliches, Mittel zur Reflexion und Arena einer konstruktiven Diskussionskultur.
Wie klingt Geschichte? Schülerinnen und Schüler experimentieren und komponieren

Wie klingt Geschichte ?
Euthanasiemord, Kindertransport – Worte, die verschreckende und ferne Begriffe aus dem Geschichtsunterricht sind. Eine Verbindung zu Musik und Klang liegt auf den ersten Blick nicht auf der Hand. Zwei Schülergruppen aus dem Münchner Umland haben in der Aufarbeitung der NS-Diktatur Hörstücke geschaffen, die mit Klängen auf ganz eigene Weise Geschichte erzählen. Ein halbes Jahr begaben sich die Schülerinnen und Schüler auf Klangrecherche, haben Gespräche mit Zeitzeugen geführt, Exkursionen unternommen und Hörbilder geschaffen.

Wie klingt Geschichte?
„Wie klingt Geschichte?“ ist ein Projekt, das die Stiftung Zuhören und die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk ins Leben gerufen hat. Die Jugendlichen entwickeln über die kreativ-kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit eine besondere persönliche und politische Haltung zur Geschichte unseres Landes. Mithilfe der Unterstützung von Mentoren des Symphonieorchesters gestalteten Schülerinnen und Schüler packende journalistische Radiofeatures über die Zeitzeugen, denen sie begegneten.

Wie klingt Geschichte?
Das Projekt „Wie klingt Geschichte?“ geht über die Auseinandersetzung mit historischen Fakten hinaus. Die Schülerinnen und Schüler setzten sich mit der eigenen Gefühlswelt intensiv auseinander: Die musikalische Auseinandersetzung mit den Folgen des NS-Regimes provozierte, förderte Aggression ob der Grausamkeit der Taten hervor. Bei den Schülern entwickelte sich Wut über die Machtlosigkeit gegenüber einer systemtreuen Bevölkerung und des Machtapparates sowie die Hilflosigkeit gegenüber dem „Verführer“ Adolf Hitler. In der vergangenen Woche präsentierten die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Musikerinnen und Musiker des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ihre Hörstücke im Gasteig in München.
Die Hörbilder der Jugendlichen können unter www.br.de/aufspurensuche heruntergeladen werden. Mehr Informationen finden Sie unter http://www.br.de/radio/br-klassik/symphonieorchester/education/wie-klingt-geschichte-schueler-komponieren-102.html
Room 28 – Musik als schönste Schöpfung der menschliche Seele
Während den Münchner Jugendlichen die Historie als Inspirationsquelle für ihre Musik von heute dient, rückt das Projekt „Room 28“ ein Musikleben in den Fokus, das an einem der menschenfeindlichsten Orte – dem Konzentrationslager von Theresienstadt – den Menschen vielleicht einen Schimmer Hoffnung gab. „Musik ist die schönste Schöpfung der menschlichen Seele“, schreibt Helga Pollak in ihrem Theresienstädter Tagebuch.
Ihre Erinnerungen sind Grundlage des Projekts „Room 28“. Room 28 ist das Mädchenheim L 410 im einstigen Konzentrationslager Theresienstadt. Allen Umständen der menschlichen Katastrophe zum Trotz ging von ihm ein positives Signal aus: Die Aufforderung, die existentielle Bedeutung von Kultur und humanistischen Idealen zu reflektieren und Werte wie Menschlichkeit, Solidarität und geistiger Widerstand zu leben. „Room 28“ ist ein deutsch-jüdisches Erinnerungsprojekt, das seit 2005 gemeinsam mit einer Gruppe von Holocaust-Überlebenden das gleichnamige Buch von Helga Pollack, ein Theaterstück und eine Ausstellung „Mädchen von Zimmer 28“ an junge Menschen vermittelt. In den letzten Jahren hat „Room 28“ eine bemerkenswerte inspirative und pädagogische Kraft entfaltet. So entstand die Idee, aus dem Projekt eine deutsch-tschechische „Room 28“-Unterrichtseinheit zu konzipieren. Ein zentrales Element dieser Unterrichtseinheit ist die Ausstellung „Die Mädchen von Zimmer 28 – Děvčata z pokoje 28“, die seit ihrem Entstehen 2004 an über 70 Orten im In- und Ausland gezeigt wurde.
Mehr Informationen finden Sie unter http://www.room28.net
80vontausend – Mehr Demokratie tragen!

80vontausend
Beide Beispiele zeigen: Musik machen und Musik erleben ist ein Sensor für gesellschaftspolitische Fragen. Der Aufarbeitung sowie dem Kennenlernen der eigenen Gefühlswelt über die Kombination von Geschichte und Musik widmet sich auch das dritte Projekt – eine Kooperation von Hans Ferenz und dem netzwerk junge ohren e.V.. „80vontausend“ gibt Bürgerinnen und Bürgern aller Altersgruppen in Berlin und Eisenach im Herbst dieses Jahres die Möglichkeit, sich aktiv und kreativ in das Gedenkjahr 2013 einzubringen. Gefragt werden Hunderte von Jugendlichen, Erwachsenen und Alten mit und ohne Migrationshintergrund nach ihren Ereignissen aus den zurückliegenden 80 Jahren: in Politik, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft, historisch, aktuell, biografisch und auch ganz privat. Diese werden mit „akustischen Erinnerungen“ verbunden – so entstehen Klangbilder in der Auseinandersetzung der eigenen Geschichte.
Einbezogen werden Elektro-, Jazz-, Orchestermusiker, Chöre und BeatBoxer, Schauspielschulen, Theatergruppen, Schulen, Universitäten und Ausbildungseinrichtungen, musikbetonte Jugend- und Kulturzentren, Kulturinitiativen, Vereine von und für Menschen mit Behinderungen, Migranten, Schwulen und Lesben, Nachbarschaftszentren u.v.a.
Durch die Präsentation von Audio-Loops mit musikalischen oder „wörtlichen“ Erinnerungen über Klang-Rucksäcke im öffentlichen Raum im Oktober und November diesen Jahres entstehenden nomadisierende Klangcollagen, die sich abhängig von der Gruppengröße flächig ausbreiten. Dabei formt sich ein temporärer, begehbarer Ausstellungsraum, in dem Klänge, Musik und Worte nicht nur für sich stehen, sondern miteinander korrespondieren, aufeinander prallen, sich ergänzen, widersprechen, hinterfragen.
Mehr Informationen zum Start des Projekts erhalten Sie im Frühling unter http://www.jungeohren.de.
-
-
mg 6066
-
-
mg 0071
-
-
mg 6409
-
-
80vontausend